Verbraucher verwendeten einen Großteil ihrer Ersparnisse, um an der Börse zu spekulieren, doch kann diese historische Rallye fortgesetzt werden?

09. Juni 2020 | David Krause

Die Aktienperformance ist in den letzten Monaten angesichts der düsteren wirtschaftlichen Aussichten etwas überraschend. Offenbar besteht eine Entkoppelung zwischen den Aktienkursen und der Wirtschaft, da fast alle Marktverluste aufgrund der COVID-19-Pandemie inzwischen wieder ausgeglichen wurden. Die Rallye an den US-Märkten am Montag brachte den S&P 500 wieder zurück in den grünen Bereich (YTD), da die Aufhebung der Lockdowns den Optimismus für eine schnelle wirtschaftliche Erholung stärkte. Der Index schloss auf einem 15-Wochen-Hoch fast 45% über dem Tief, welches wir im März gesehen hatten. Viele Aktien befinden sich in der Nähe von Allzeithochs oder haben diese sogar übertroffen. Doch auf der anderen Seite gibt es immer noch massive Arbeitslosigkeit, einen enormen Rückgang des BIP und einen wirtschaftlichen Abschwung der voraussichtlich noch bis in das kommende Jahr oder darüber hinaus andauern wird. Doch lassen Sie uns zunächst die Chancen und Risiken aus der ökonomischen Perspektive betrachten.

Wirtschaftstätigkeit

Beginnen wir mit dem ADS-Index (Aruoba-Diebold-Scotti Business Conditions Index), einem Multi-Faktor-Benchmark für den Konjunkturzyklus, der in Echtzeit die US-Wirtschaftstätigkeit misst. Herausgegeben wird dieser von der Federal Reserve Bank of Philadelphia und die jüngsten veröffentlichten Daten deuten darauf hin, dass der tiefste Punkt der Rezession überschritten sein könnte. Die folgende Grafik zeigt, wie der Index in diesem Jahr mit den neuen Zahlen überarbeitet wurde. Es scheint, dass das tiefste Niveau der Rezession überwunden ist, was eine bullische These untermauert. Allerdings ist es noch ein langer Weg, bis ein Niveau in der Wachstumszone wieder erreicht ist.

Beschäftigung und Arbeitsmarkt

Bereits früh hat sich abgezeichnet, dass das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Verlustes von Arbeitsplätzen viel größer waren, als es die USA in jeder anderen Rezession der jüngeren Geschichte erlebt haben. Allein von Mitte Februar bis Mitte April ging die US-Beschäftigung um erstaunliche 22% zurück. Zum Vergleich: In der Weltwirtschaftskrise war ein Beschäftigungsrückgang von 12% zu verzeichnen, den bisher keine andere Rezession überschritten hatte. Die entscheidende Frage lautet, wie viel von diesem Arbeitsplatzverlust wird wieder zurückkommen. Keine Branche war gegen die durch die Pandemie verursachte Rezession immun, am stärksten betroffen waren Branchen, die stark auf soziale, zwischenmenschliche Interaktionen angewiesen sind (Touristik, Gastgewerbe und Freizeitindustrie). Der geringste Beschäftigungsrückgang war bisher in Sektoren zu verzeichnen, in denen höher qualifizierte Arbeitskräfte beschäftigt sind und die wahrscheinlich eher in der Lage sind, eine Tätigkeit im Home-Office umzusetzen, wie z.B. in den Bereichen Finanzen, Versicherungen und professionelle Dienstleistungen.

Der überraschende Beschäftigungsbericht des US Bureau of Labour Statistics für den Mai zeigte, dass die US-Wirtschaft im vergangenen Monat 2,5 Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat, wobei die Arbeitslosenquote von 14,7% auf 13,3% gesunken ist. Im Mai stieg die Beschäftigung in Freizeit und Gastgewerbe, Bau-, Bildungs- und Gesundheitsdienste sowie im Einzelhandel stark an.  Die von MarketWatch befragten Ökonomen hatten einen Verlust von 7,25 Millionen Arbeitsplätzen und eine Arbeitslosenquote von 19,0% erwartet.

Doch ist jetzt die Blutung am Arbeitsmarkt gestoppt und sind diese Zahlen angesichts der schwierigen Situation (Pandemie, Proteste, Politik) auch wirklich vertrauenwürdig? Ein genauerer Blick zeigt, dass diese US-Arbeitsmarktdaten verfälscht sind (wie die zuständige Behörde selbst zugegeben hat), man hätte die Veröffentlichung besser unterlassen sollen.

„Bei den Arbeitslosen ging die Zahl der vorübergehend entlassenen Personen im Mai zurück, blieb jedoch auf einem hohen Niveau. Wie im April und März gab es jedoch einige Arbeiter, die während der gesamten Zeit nicht arbeiteten […] und wurden bei vorübergehender Entlassung im Mai nicht als arbeitslos eingestuft. Sie waren vielmehr als erwerbstätig eingestuft, aber von der Arbeit abwesend. Die BLS-Analyse der zugrunde liegenden Daten legt nahe, dass die meisten dieser Arbeitnehmer falsch klassifiziert wurden. Sie hätten wegen vorübergehender Entlassung als arbeitslos eingestuft werden müssen.“

Um eine genauere Zahl zu bekommen, fügen sie 3 Prozent zur Arbeitslosenquote hinzu:

„Wenn die Arbeitnehmer, die als erwerbstätig gemeldet wurden, aber nicht bei der Arbeit anwesend waren, als Arbeitslose mit vorübergehender Entlassung klassifiziert gewesen wären, so wäre die Gesamtarbeitslosenquote etwa 3 Prozentpunkte höher gewesen als berichtet.“

BIP Forecast

Die meisten würden zustimmen, dass das Virus kurzfristig für die Wirtschaft furchtbar sein wird. Das datengesteuerte „GDPNow“ -Modell der US-Notenbank von Atlanta deutet in der aktuellsten Prognose auf einen beispiellosen Rückgang des realen BIP um -48,5% im zweiten Quartal hin. Dies wird das reale BIP auf das Niveau der späten 1980er Jahre zurückbringen. Und es bedeutet auch, dass die Produktion von Waren und Dienstleistungen ebenso wie die Einkommens- und Umsatzsteuereinnahmen in einem ähnlichen Maße sinken werden. Der zuletzt veröffentlichte BIP-Nowcast der New Yorker Fed, schätzt einen Rückgang um 25,5% im 2. Quartal, während CNBCs Rapid Update-Umfrage unter führenden Ökonomen einen durchschnittlichen Rückgang von 38% verzeichnet. An dieser Stelle kann von Optimismus bzw. Erholung keine Rede sein, denn das Schlimmste steht wohl in diesem Quartal noch bevor.

Source: https://www.frbatlanta.org/cqer/research/gdpnow

Unternehmensgewinne

Laut FactSet werden die Unternehmensgewinne für Unternehmen im S&P 500 im ersten Quartal voraussichtlich um 14,6 Prozent sinken, was den größten Rückgang seit der Finanzkrise im Jahr 2009 darstellen würde. Und obwohl die Reaktion der US-Regierung auf die wirtschaftlichen Stillstände schnell und exorbitant war, gibt es Anzeichen dafür, dass die bisher gestarteten Programme ihre Wirkung verfehlt haben könnten und Millionen gefährdeter Amerikaner kurz davor stehen, trocken zu laufen. Also auch hier kein Grund für Optimismus.

Einkommen und Sparquote

Die US-Regierung verabschiedete das größte Gesetz zur Stimulierung der Wirtschaft in der Geschichte der USA, damit die Menschen ihre Rechnungen während der erzwungenen wirtschaftlichen Abschaltungen aufgrund der Corona-Pandemie weiterhin bezahlen können. Durch diese staatlichen Anreize haben sich die persönlichen Einkommen im April um 10,5% erhöht, nachdem sie im März um 2,2% gesunken waren. Der Anstieg des persönlichen Einkommens spiegelte in erster Linie einen Anstieg von staatlichen Sozialleistungen wider. Damit konnten die Auswirkungen der Pandemie mehr als ausgeglichen werden.

„Das persönliche Einkommen stieg im April nach Schätzungen des Bureau of Economic Analysis (Tabellen 3 und 5) um 1,97 Billionen US-Dollar (10,5 Prozent). Das verfügbare persönliche Einkommen (DPI) stieg um 2,13 Billionen USD (12,9 Prozent) und die persönlichen Konsumausgaben (PCE) gingen um 1,89 Billionen USD (13,6 Prozent) zurück.“

Eine weitere beispiellose Entwicklung ist der Rekordanstieg der Sparquote in den privaten Haushalten von 12,7% auf erstaunliche 33%. Die Frage ist, wo setzt die Mehrheit der Verbraucher zumindest einen Teil dieser Ersparnisse ein? Richtig, es ist der Aktienmarkt! Tatsächlich waren Wertpapierkäufe ein beliebtes Ziel von Stimulus-Checks, besonders bei der Bevölkerung in der mittleren bis oberen Einkommensklasse. Es liegt nahe, dass die allgemeine Zurückhaltung aufgrund der weit verbreiteten Unsicherheiten die Sparquote ansteigen lässt.

„Die persönlichen Ausgaben gingen im April um 1,91 Billionen US-Dollar zurück (Tabelle 3). Die persönliche Ersparnis betrug im April 6,15 Billionen US-Dollar, und die persönliche Ersparnisrate – die persönliche Ersparnis als Prozentsatz des verfügbaren persönlichen Einkommens – betrug 33,0 Prozent“

Source: https://fred.stlouisfed.org/

Social Trading

Ein wesentlicher Treiber für die Erholung der Aktienkurse war ein enormer Zustrom von Privatanlegern, ähnlich wie im Vorfeld der Dotcom-Base im Jahr 2000. Der gesamte Markt erscheint derzeit überbewertet. E-Trade und Charles Schwab verzeichneten einen starken Anstieg der Anzahl von Handelskonten. Schwab verzeichnete im ersten Quartal einen Anstieg der Anzahl der Trades um 98% gegenüber dem Vorjahr und einen Anstieg der Anzahl der aktiven Konten bei Interactive Brokers um 28%. Der Wertpapierhandel gehörte laut Envestnet Yodlee, einem Software- und Datenaggregationsunternehmen, zu den häufigsten Verwendungszwecken für staatliche Konjunkturhilfen in nahezu jeder Einkommensklasse. Für viele Verbraucher war der Aktienkauf die zweithäufigste oder dritthäufigste Verwendung.

Es ist also ein gewisser Herdentrieb entstanden, bei dem seltener rationale Entscheidungen im Mittelpunkt stehen, sondern viel mehr ein populären Trend dem die Masse hinterher läuft. Durch das bei Privatanlegern immer beliebtere Social-Trading, eröffnen sich schnelle und bequeme Möglichkeiten auf den „Zug des aktuellen Hypes“ aufzuspringen. So gibt es beispielsweise auf der Robinhood-Plattform ein Tool, welches unserer Ansicht nach die Entstehung von Blasen im Kurs einiger Aktien begünstigen kann. Dabei handelt es sich um die sog. Robintrack-Website, welche Anlegern eine Liste von Aktien bereitstellt, die nach Beliebtheit sortiert sind sowie Änderungen in der Beliebtheit, entweder die Gesamtbeliebtheit oder die prozentuale Änderung. Nach Robinhood wird das wie folgt interpretiert:

„Eines der nützlichsten Dinge, die Sie mit den auf dieser Website bereitgestellten Daten tun können, ist herauszufinden, wie die Menschen auf Marktbewegungen reagieren. Abhängig davon, ob die Leute den Dip kaufen, während einer Pumpe an Bord gehen, weil sie glauben, dass er höher steigen wird, oder Gewinne mitnehmen. Sie können mit diesen Daten jede dieser unterschiedlichen Situationen beobachten und Ihren eigenen Handel entsprechend planen.“

Es gibt viele gute Gründe eine Aktie zu kaufen, aber Popularität gehört sicher nicht dazu. Die schlechteste Zeit zum Kaufen ist, wenn alle anderen das Gleiche tun. Doch liegt die Vermutung nahe, dass viele Privatanleger die Popularität einer Aktie als Grundlage für ihre Anlageentscheidung verwenden. Ein Grundprinzip, welches wir in unserer eigenen Strategie definiert haben, lautet: Folge niemals der Herde. Wenn die Herde eine Aktie nach oben zieht, bleiben Sie besser draußen. Es ist verlockend, schnell rein- und rauszuspringen, um schnelles Geld mitzunehmen, doch Blasen entleeren sich meist unverhofft und schnell.

Fazit

Viele Kleinanleger gehen davon aus, dass der Markt die Wirtschaft anführt. Mit anderen Worten, ein starker bzw. steigender Aktienmarkt ist ein Signal für eine schnelle Rückkehr zum wirtschaftlichen Wachstum. Doch als Anleger müssen wir realistisch über die wirtschaftlichen Aussichten und deren Bedeutung für die Märkte bleiben. In der Tat sieht die derzeitige Rezession aufgrund ihrer Schwere und der extremen staatlichen Eingriffe ganz anders aus als gewöhnliche Rezessionen. Aus historischer Sicht könnten einige Wirtschaftssektoren, z.B. Industrieproduktion oder Wohnungsbau eher eine V-förmige Erholungen erleben, während dies für den stationären Einzelhandel, Restaurants, Fluggesellschaften, Hotels, Casinos, Unterhaltung und Freizeit wahrscheinlich nicht der Fall ist.

Die Aktienmärkte sind nun aktuell so stark überkauft wie sie am Tief im März überverkauft waren. Wie lange kann dieser parabolische Anstieg noch weiter gehen? Die Euphorie und die Long-Positionierungen sind immens hoch, wodurch eine Korrektur immer wahrscheinlicher wird. Die Rallye könnte also bald ins Stocken geraten, wenn der starke wirtschaftliche Aufschwung, auf den einige Anleger zählen, nicht eintritt. Schließlich sind es die unrealistischen Erwartungen an eine breiten V-förmige Erholung in der Wirtschaft, welche die Aktienkurse in die Höhe treiben.

Zurzeit gibt es außerdem einen signifikanten Unterschied zwischen dem Erhalten eines Einkommens und einem Einkommen durch Produzieren bzw. Wertschöpfung. Die Menschen haben mehr Geld zum Ausgeben, aber es wird viel weniger produziert, so viel weniger steht zum Konsum zur Verfügung. Es ist nicht das Einkommen, sondern die Produktion und dann der darauffolgende Konsum, welcher die Wirtschaft antreibt. Wenn ein fallendes Warenangebot auf eine steigende Nachfrage und Geldmenge trifft, steigt auch das Risiko einer Inflation. Produktionslücken, massive Arbeitslosigkeit und riesige Haushaltsdefizite klingen wie aus dem Lehrbuch für die Bedingungen einer Hyperinflation.

© 2020 David Krause