Immaterielle Vermögenswerte in einer wettbewerbsorientierten und digitalen Wirtschaft: Nicht immer offensichtlich, doch häufig ein entscheidender Treiber des Unternehmenswerts.

28. September 2020 | David Krause

Das Problem mit dem Buchwert

Bei der Fundamentalanalyse werden unterschiedliche Kennzahlen und Methoden verwendet, um den fairen bzw. „inneren“ Wert eines Unternehmens zu berechnen.  Dabei nutzen Value-Investoren häufig mehrere Bewertungsmethoden in Kombination, um einen besseren Einblick in das zugrunde liegenden Geschäftsmodell zu erhalten.

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist ein bedeutender Preismultiplikator und in der Bewertungspraxis weit verbreitet. Theoretisch entspricht der Buchwert dem Gesamtbetrag, den ein Unternehmen im Falle einer Liquidation wert ist. Dies ist der Betrag, den die Gläubiger des Unternehmens erwarten können. Um das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) zu berechnen, wird der Aktienkurs durch den Buchwert je Aktie dividiert.

Die Buchwertanalyse und der Kauf von Unternehmen mit einem niedrigen Kurs-Buch-Verhältnis (KBV) war in der Vergangenheit ein profitables Vorgehen. Unternehmen mit technischen Anlagen, Lagerbeständen und Ausrüstungen sowie finanziellen Vermögenswerten weisen tendenziell höhere Buchwerte auf. Beziehungsweise können diese Arten von Vermögenswerten im Falle von Insolvenz oder finanzieller Notlagen leicht bewertet und liquidiert werden.

Immaterielle Vermögenswerte spielten früher eine viel geringere Rolle als heute, doch mit dem Aufstieg von Software- und Internetunternehmen hat ihr Anteil rasch zugenommen. Patente, Lizenzen und Humankapital haben heutzutage einen signifikanten Anteil am „Wert“ vieler Unternehmen. Allerdings sind diese Arten von Vermögenswerten schwer zu bewerten und schwieriger zu liquidieren. Dies ist insbesondere beim Humankapital der Fall, dem Maß für den wirtschaftlichen Wert der Fähigkeiten eines Mitarbeiters.

In vielen Fällen liegt bei der Bewertung von immateriellen Vermögenswerten häufig eine zu optimistische Annahme zugrunde. Marken, Software, Webseiten, Lizenzen, Genehmigungen usw. können heute tatsächlich einen erkennbaren Wert für Unternehmen haben. In vielen Fällen können sich diese Werte jedoch schnell ändern. Zum Beispiel, wenn es nur geringe Markteintrittsbarrieren, rasche (technologisch bedingte) Veränderungen der Verbrauchernachfrage oder es wirtschaftliche bzw. politische Eingriffe gibt. Man könnte es auch so formulieren: Ein Unternehmen mit großen Mengen an Sachanlagen hat einen höheren definierbaren Wert als ein Unternehmen mit großem Anteil an „Humankapital“.

Immaterielle Vermögenswerte können grundsätzlich in drei große Kategorien eingeteilt werden – Rechte, Beziehungen und geistiges Eigentum:

Intern erzeugte immaterielle Vermögenswerte können jedoch nicht in der Bilanz ausgewiesen werden. Sie sind dennoch häufig von erheblichem Wert und sollten angemessen verstanden und verwaltet werden. Nach IFRS 3 können nur erworbene immaterielle Vermögenswerte in der Konzernbilanz des erwerbenden Unternehmens separat ausgewiesen werden.

Immaterielle Vermögenswerte stehen immer häufiger im Mittelpunkt

Im Jahr 2018 erreichten immaterielle Vermögenswerte für S&P 500-Unternehmen einen Rekordwert von 21 Billionen US-Dollar. Um diese historische Veränderung zu messen, analysierten Aon und das Ponemon Institut den Wert von immateriellen und materiellen Vermögenswerten von Unternehmen aus dem S&P 500 über fast viereinhalb Jahrzehnte.

Source: https://www.visualcapitalist.com/intangible-assets-driver-company-value/

In nur 43 Jahren haben sich immaterielle Vermögenswerte von einem unterstützenden Vermögenswert zu einer dominierenden Größe in den Bilanzen entwickelt. 2018 machten sie 84% der gesamten Unternehmenswerte im S&P 500 aus, ein massiver Anstieg vergleicht man dies mit einem Anteil von nur 17% im Jahr 1975.

Nicht offengelegte immaterielle Vermögenswerte sind laut einem Bericht von Brand Finance Global Intangible Finance Tracker 2019 zum ersten Mal seit 2011 weltweit wieder rückläufig. Der Wert ist um 8% gegenüber dem Vorjahr gesunken und liegt aktuell bei 35,4 Billionen US-Dollar – dies entspricht 34% des Gesamtwertes aller börsennotierten Unternehmen weltweit – im Vergleich zu 38,5 Billionen US-Dollar in 2018.

Die größten Unternehmen nach immateriellem Wert

Digital ausgerichtete Sektoren wie Internet, Software und IT sind stark von immateriellen Vermögenswerten abhängig. Laut Brand Finance, welches ein jährliches Ranking von Unternehmen auf der Grundlage des immateriellen Werts erstellt, lässt Unternehmen in diesen Sektoren in der Ausgabe 2019 ihres Berichts die ersten fünf Plätze belegen.

Top 10 Companies by Total Intangible Value

2019
Rank
CompanySectorTotal Intangible Value (USD bn)Total Intangible
Value/Enterprise Value (%)
1Microsoft CorpInternet & Software$90490%
2Amazon.com IncInternet & Software$83993%
3Apple IncTechnology & IT$67577%
4Alphabet IncInternet & Software$52165%
5Facebook IncInternet & Software$40979%
6AT&T IncTelecoms$37184%
7Tencent Holdings Ltd.Internet & Software$36588%
8Johnson & JohnsonPharma$361101%
9Visa IncBanking$348100%
10Alibaba Group HoldingInternet & Software$34486%
Source: https://brandfinance.com/images/upload/gift_2.pdf

Microsoft überholte Amazon und führt nun das Ranking an, mit einem Wert für immaterielle Vermögenswerte in Höhe von 904 Milliarden USD für 2019. Das Unternehmen verfügt über das weltweit größte kommerzielle Cloud-Geschäft. Aber auch Pharma- und Gesundheitsunternehmen stehen weit oben auf dieser Liste. Ihr immaterieller Wert wird hauptsächlich durch Patente sowie Fusionen und Übernahmen bestimmt.

Fehlende Offenlegung

Die meisten immateriellen Vermögenswerte werden nicht in den Bilanzen ausgewiesen, da sie nach den aktuellen Rechnungslegungsstandards erst dann erfasst bzw. aktiviert werden dürfen, wenn eine Transaktion zur Unterstützung ihres Werts stattgefunden hat. Während dies viele Buchhalter sicherlich als eine umsichtige Maßnahme betrachten, um eine unbegründete Aktivierung von Vermögenswerten zu vermeiden, bedeutet dies aber auch, dass viele wertvolle immaterielle Vermögenswerte niemals in der Finanzberichterstattung auftauchen. Doch tatsächlich bestehen 34% des Gesamtwerts der börsennotierten Unternehmen der Welt aus nicht bekannt gegebenem Wert.

Fazit

In einer digitalen Wirtschaft, konzentrieren sich wettbewerbsorientierte Unternehmen zunehmend auf geistiges Eigentum und Innovationen. Doch durch Verschuldung, buchhalterische Spielereien (Financial Engineering) und die zunehmende Bedeutung von immateriellen Vermögenswerten, wird es den Anlegern erschwert, den tatsächlichen „Wert“ eines Unternehmens zu bestimmen. Vermutlich wissen die meisten Anleger nicht, dass immaterielle Vermögenswerte in vielen Unternehmen einen so hohen Prozentsatz des gesamten Unternehmenswerts ausmachen. Angesichts des spekulativen Charakters des aktuellen Börsenumfelds scheint dies derzeit sicherlich ein untergeordnetes Problem zu sein. Doch auf lange Sicht ist der tatsächliche „Wert“ einer Investition von entscheidender Bedeutung für den Anlageerfolg.

Brand Finance ist der Ansicht, dass Unternehmen jeden immateriellen Vermögenswert regelmäßig bewerten sollten, einschließlich der vorausgesetzten Annahmen, die das Management bei der Bewertung getroffen hat. Diese Informationen wären für Manager, Investoren und andere Stakeholder äußerst nützlich.

© 2020 David Krause