Unter dem Radar fliegt eine zweite große Bedrohung: Eine globale Schuldenkrise – Ein perfekter wirtschaftlicher Sturm für die Schwellenländer und die Lösung könnte diesmal viel schwieriger sein, als in der Vergangenheit.

26. Mai 2020

Durch die globale Ausbreitung des Corona-Virus ist fast jedes Land dazu gezwungen, Hilfs- und Rettungspakete für die notleidende Wirtschaft bereitzustellen, was zu einem Ausfall von fälligen Schuldverschreiben führen könnte. Das wird Investoren dazu veranlassen, Kapital aus risikoreicheren Ländern abzuziehen und es würde sich ein perfekter wirtschaftlicher Sturm für die Schwellenländer zusammenbrauen, da folgende Faktoren dies begünstigen: Die internationalen Rohstoffpreise sind eingebrochen, die Nachfrage der Industrieländer nach Exporten aus Schwellenländern ist gesunken, die internationale Tourismusindustrie liegt am Boden, die Lieferketten sind unterbrochen  und die Lohnzahlungen an Arbeitnehmer wurden stark reduziert.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist der Anstieg der Verschuldung des öffentlichen Sektors in diesem Jahr erstaunlich hoch und erreicht in Industrieländern durchschnittlich 122,4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Schwellenländern 62% und in Entwicklungsländern 45,8%. Die Unterschiede in den Schuldenquoten zwischen den Ländern sind erheblich. Die Auswirkungen einer hohen Verschuldung unterscheiden sich auch stark zwischen vielen Industrieländern und großen Schwellenländern, die Kredite in ihrer eigenen Währung aufnehmen können, und Entwicklungsländern die auf externe Finanzierung angewiesen sind. Selbst unter der Annahme, dass die Zinsen ewig niedrig bleiben, werden stark ansteigende öffentliche Schulden die Ausgaben für Schuldverpflichtungen in den Staatshaushalten erhöhen. Nach Angaben des IWF sind die Zinsausgaben als Anteil an den Steuereinnahmen bereits zwischen 2015 und 2020 gestiegen: Für entwickelte Volkswirtschaften von 8% auf 10%, für Schwellenländer von 11% auf 13,5% und für Entwicklungsländer von 18% auf 33%.

Und auch in Zukunft ist ein weiterer Anstieg zu erwarten. Die zunehmende Bedienung von Schuldtiteln wird öffentliche Ausgaben (ausgenommen Verteidigung) in vielen wichtigen Bereichen wie Gesundheitswesen, Bildung und Sozialleistungen zunehmend verdrängen. Dies betrifft natürlich auch Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Diese Ausgaben wurden in vielen Ländern bereits vor der Pandemie als unzureichend angesehen und haben zu einer wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung beigetragen.

Große Schwellenländer, wie z.B. Brasilien, Mexiko, Südafrika und die Türkei, haben einen gefährlichen geldpolitischen Weg eingeschlagen. In einer Zeit, in der diese Volkswirtschaften ein Rekordtempo an Kapitalabflüssen verzeichnen und ihre Währungen wie ein Stein fallen, reagieren die Zentralbanken dieser Länder mit einer erheblichen Lockerung der Geldpolitik. Auf diese Weise beschleunigen sie wahrscheinlich nur das Tempo der Kapitalflucht und werden ihre Währungen noch weiter schwächen. Dies könnte es langfristig schwierig machen, die Inflation unter Kontrolle zu halten und die auf Dollar lautenden Schuldenverpflichtungen zu bedienen. Das finanziell angeschlagene Argentinien geriet am 22. Mai offiziell in Verzug, nachdem es nicht in der Lage war Auslandsschulden in Höhe von 500 Millionen US-Dollar zu bedienen. Damit geriet die drittgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas bereits zum neunten Mal in seiner Geschichte in Zahlungsverzug. Auch Sambia, Ecuador und Ruanda haben in den letzten Wochen angekündigt, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Schulden zurückzuzahlen.

Seit Jahresbeginn verzeichneten die Schwellenländer Rekordabflüsse die größer waren, als in irgendeiner anderen Krisenperiode je zuvor. Die Kombination aus dem globalen COVID-19-Schock und einem erheblichen Rückgang der Ölpreise nach dem Scheitern der OPEC+ Verhandlungen, kam es allein im März zu einem rekordverdächtigen Abfluss von rund 83 Milliarden US-Dollar. Infolge der plötzlichen Kapitalabflüsse werden die meisten Schwellenländer keine signifikanten Leistungsbilanzdefizite aufweisen können und müssen Reserven abbauen. Dies wird zusammen mit einer erheblichen Währungsabwertung die Leistungsbilanz in vielen Ländern nahezu ins Gleichgewicht bringen.

Der plötzliche, schwerwiegende und wahrscheinlich anhaltende Abschwung im Reise- und Tourismussektor hat Länder, die stark vom ausländischen Tourismus abhängig sind, finanziell sehr anfällig gemacht. Dies betrifft auch besonders kleine Inselentwicklungsstaaten wie die Malediven oder Seychellen, die stark vom Tourismus abhängig sind. Zudem wird der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten für diese zumeist hoch verschuldeten Länder immer schwieriger. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat durch seine schnell auszahlbaren Notfinanzierungsfazilitäten für einkommensschwache Länder und Schwellenländer einen Fonds in Höhe von 50 Mrd. USD geschaffen, davon stehen 10 Milliarden US-Dollar zinslos für die ärmsten Mitglieder über die Rapid Credit Facility zur Verfügung.

Fazit

Durch die Auslösung einer sehr schweren wirtschaftlichen Rezession hat die Coronavirus-Pandemie auch die öffentlichen Finanzen in Schwellenländern hart getroffen. Durch groß angelegte Konjunkturprogramme der Regierungen wird die Verschuldung in den öffentlichen Sektoren in diesem Jahr weiter ansteigen. In der Folge ist von einer großen Anzahl an Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern auszugehen, was ihre Währungen auch weiterhin unter erheblichem Druck bringen wird. Schließlich könnte einer Welle chaotischer Staatsschuldenkrisen und Umstrukturierungen bevorstehen, welche wohl für die Bürger als auch für die Gläubiger mit erheblichen Einsparungen bzw. Verlusten verbunden wäre. Die Lösung einer kommenden Schuldenkrisen wäre jedoch noch schwieriger als in der Vergangenheit, da anstelle von Banken und Regierungen, die Hauptgläubiger heutzutage größtenteils eine Vielzahl von Rentenfonds sind. Es ist somit schwieriger, Restrukturierungsvereinbarungen durchzusetzen. Investmentfonds müssten dafür schmerzhafte finanzielle Kompromisse akzeptieren, um eine Umstrukturierung zu erreichen. Diese Pandemie könnte sich schnell von einer Gesundheitskrise zu einer humanitären Krise entwickeln. Abgesehen davon, welchen Weg letztendlich einschlagen wird, ist es wichtig, dass sich die politischen Entscheidungsträger verstärkt mit den Schwierigkeiten in den Schwellenländer auseinandersetzen, da die Gefahr besteht, dass es zu negativen Nachwirkungen im gesamten internationalen Finanzsystem kommt und schließlich wird die politische Stabilität der letzte Dominostein sein, der fällt.

© 2020 David Krause